Schaltschrank planen: Aufbau und Dimensionierung nach AREI
Vollständige Anleitung zur Planung eines Verteilerschranks. DIN-Schiene, Schutzgeräte, Reihenaufteilung und Beispiel-Layout für ein Einfamilienhaus.
Der Verteilerschrank (auch Sicherungskasten, Schaltschrank oder Zählerschrank) ist das Herzstück jeder Elektroinstallation. Hier laufen alle Stromkreise zusammen, hier sitzen die Schutzgeräte, die Ihr Haus und Ihre Familie vor elektrischen Gefahren schützen. Eine durchdachte Planung spart nicht nur Geld, sondern verhindert auch Probleme bei der AREI-Kontrolle.
Grundlagen: Aufbau eines Verteilerschranks
DIN-Schiene (Hutschiene)
Alle Module im Verteiler werden auf standardisierte DIN-Schienen (35 mm Hutschiene nach EN 60715) aufgeschnappt. Jede Schiene bildet eine Reihe im Verteiler.
TE-Einheiten (Teilungseinheiten)
Die Breite eines Moduls wird in TE (Teilungseinheiten) gemessen. Eine TE entspricht 18 mm. Typische Breiten:
| Modul | Breite (TE) |
|---|---|
| MCB 1-polig | 1 TE |
| MCB 2-polig | 2 TE |
| MCB 3-polig | 3 TE |
| RCD 2-polig (30 mA / 300 mA) | 2 TE |
| RCD 4-polig | 4 TE |
| Hauptschalter 2-polig | 2 TE |
| Hauptschalter 4-polig | 4 TE |
| SPD (Überspannungsschutz) | 2–4 TE |
| Klingeltransformator | 2 TE |
| Zeitschaltuhr | 2 TE |
Verteilergrößen
Verteiler werden nach Reihen und TE pro Reihe dimensioniert:
| Bezeichnung | Reihen | TE pro Reihe | Gesamt-TE |
|---|---|---|---|
| 1-reihig | 1 | 12–18 | 12–18 |
| 2-reihig | 2 | 12–18 | 24–36 |
| 3-reihig | 3 | 12–18 | 36–54 |
| 4-reihig | 4 | 12–18 | 48–72 |
Für ein typisches Einfamilienhaus empfehlen wir mindestens einen 4-reihigen Verteiler mit 18 TE pro Reihe (72 TE gesamt).
Schritt 1: Stromkreise zählen
Listen Sie alle benötigten Stromkreise auf. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus (3 Schlafzimmer, 150 m²) rechnen Sie mit:
| Typ | Anzahl | MCB |
|---|---|---|
| Beleuchtung | 3–4 Kreise | B10A oder B16A |
| Steckdosen allgemein | 4–6 Kreise | B16A |
| Küche dediziert (Backofen) | 1 | B20A mit mind. 2,5 mm², B25A mit 4 mm², B32A mit 6 mm² |
| Küche dediziert (Kochfeld) | 1 | B32A (3-phasig ggf.) |
| Küche dediziert (Geschirrspüler) | 1 | B16A |
| Waschmaschine | 1 | B16A |
| Trockner | 1 | B16A |
| Badezimmer Steckdosen | 1 | B16A |
| Außensteckdosen | 1 | B16A |
| Boiler / Warmwasser | 1 | B16A oder B20A |
| Garage | 1 | B16A |
| Wallbox (falls vorhanden) | 1 | B32A |
| Gesamt | 17–20 Kreise |
Tipp: Maximal 8 Steckdosen pro Stromkreis (AREI Art. 5.3.5.2b). Lichtkreise dürfen mehr Punkte haben, aber in der Praxis empfehlen sich max. 8 Leuchten pro Kreis.
Schritt 2: Schutzgeräte wählen
Die Schutzgeräte werden hierarchisch angeordnet — von der Einspeisung (oben) nach unten:
Hierarchie der Schutzgeräte
Hauptschalter (40A oder 63A)
└── Haupt-RCD 300 mA (Typ A-S, selektiv)
├── Gruppen-RCD 30 mA #1 (Typ A)
│ ├── MCB Licht EG (B10A)
│ ├── MCB Licht OG (B10A)
│ ├── MCB Steckdosen WZ (B16A)
│ └── MCB Steckdosen Flur (B16A)
├── Gruppen-RCD 30 mA #2 (Typ A)
│ ├── MCB Steckdosen Küche (B16A)
│ ├── MCB Backofen (B20A)
│ ├── MCB Geschirrspüler (B16A)
│ └── MCB Steckdosen SZ (B16A)
└── Gruppen-RCD 30 mA #3 (Typ A)
├── MCB Waschmaschine (B16A)
├── MCB Bad (B16A)
├── MCB Außen (B16A)
└── MCB Garage (B16A)
Hinweis: Bei dreiphasigem Anschluss (3N~400V) werden 4-polige Hauptschalter, RCDs und ggf. MCBs benötigt.
RCD-Typen
| Typ | Eigenschaft | Planungsgrenze |
|---|---|---|
| bis 300 mA, mind. Typ A | Schutz am Ursprung der Hausinstallation | Bemessungsstrom und Polzahl müssen passen; Typ S ist nur bei nachgewiesener zeitlicher Selektivität eine mögliche Lösung |
| bis 30 mA, Typ A | Hoch- oder sehr hochempfindlicher Schutz | Für die in Art. 4.2.4.3b genannten Stromkreise; zusätzliche Gerätebedingungen bleiben zu prüfen |
| Typ B | Erfasst auch glatte Gleichfehlerströme | Nur wenn Fehlerstromspektrum und Gerätekonzept dies verlangen; kein pauschaler Wallbox- oder Wechselrichtertyp |
| Typ F | Erfasst definierte Mischfrequenz-Fehlerstromanteile | Nur einsetzen, wenn Last, Produktnorm und Herstellerunterlagen diese Charakteristik verlangen |
Selektivität
Selektivität entsteht nicht dadurch, dass der Haupt-RCD den Gruppen-RCD „beobachtet“. Sie muss aus Empfindlichkeit, Zeit-Strom-Kennlinien, Herstellerkoordination und dem gesamten Schutzkonzept nachgewiesen werden. Ein zeitverzögertes Gerät kann Teil dieser Lösung sein, garantiert allein aber weder Selektivität noch, dass ausschließlich der betroffene Gruppen-RCD abschaltet.
Schritt 3: Aufteilung auf Reihen
AREI-Regel: Max. 8 Endstromkreise pro RCD
Gemäß AREI Art. 4.2.4.3b dürfen maximal 8 Endstromkreise hinter einer Differenzstrom-Schutzeinrichtung (RCD) angeschlossen werden. In der Praxis empfehlen sich 4–6 MCBs pro RCD für eine komfortable Reserve.
Typische Reihenaufteilung
| Reihe | Inhalt |
|---|---|
| Reihe 1 | Hauptschalter, Haupt-RCD (300 mA), SPD, evtl. Klingeltransformator |
| Reihe 2 | Gruppen-RCD #1 (30 mA) + zugehörige MCBs (Licht + Steckdosen Wohnen) |
| Reihe 3 | Gruppen-RCD #2 (30 mA) + zugehörige MCBs (Küche + Schlafzimmer) |
| Reihe 4 | Gruppen-RCD #3 (30 mA) + zugehörige MCBs (Bad, Außen, Garage, Technik) |
Schritt 4: Reserveplätze einplanen
Planen Sie mindestens 20 % Reserveplätze ein — besser 30 %. Das bedeutet:
- Bei 20 benötigten MCBs → mindestens 4–6 freie TE-Plätze.
- Leere Plätze werden mit Blindabdeckungen verschlossen.
Warum?
- Zukünftige Erweiterungen (Wallbox, Klimaanlage, Saunaöfen).
- Umverteilung, wenn ein RCD zu viele Kreise hat.
- Vermeidung eines teuren Verteilertauschs.
Beispiel-Layout: 4-Reihen-Verteiler für Einfamilienhaus
Hier ein komplettes Beispiel für ein typisches belgisches Einfamilienhaus (3 SZ, 150 m², ohne PV):
Reihe 1 — Einspeisung & Schutz (18 TE)
| Position | Modul | TE | Funktion |
|---|---|---|---|
| 1–2 | Hauptschalter 2P | 2 | 40A Hauptschalter |
| 3–4 | Haupt-RCD 2P | 2 | 300 mA Typ A-S |
| 5–8 | SPD | 4 | Überspannungsschutz |
| 9–10 | Klingeltransformator | 2 | 8V Klingel |
| 11–18 | Reserve | 8 | Blindabdeckungen |
Reihe 2 — Gruppe 1: Beleuchtung + Wohnen (18 TE)
| Position | Modul | TE | Funktion |
|---|---|---|---|
| 1–2 | Gruppen-RCD 30 mA | 2 | Typ A |
| 3 | MCB B10A | 1 | Licht Erdgeschoss |
| 4 | MCB B10A | 1 | Licht Obergeschoss |
| 5 | MCB B10A | 1 | Licht Keller/Außen |
| 6 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Wohnzimmer |
| 7 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Esszimmer |
| 8 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Flur |
| 9–18 | Reserve | 10 | Blindabdeckungen |
Reihe 3 — Gruppe 2: Küche + Schlafzimmer (18 TE)
| Position | Modul | TE | Funktion |
|---|---|---|---|
| 1–2 | Gruppen-RCD 30 mA | 2 | Typ A |
| 3 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Küche |
| 4 | MCB B20A | 1 | Backofen (dediziert) |
| 5 | MCB B16A | 1 | Geschirrspüler (dediziert) |
| 6 | MCB B16A | 1 | Kühlschrank (dediziert) |
| 7 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Schlafzimmer 1 |
| 8 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Schlafzimmer 2+3 |
| 9–18 | Reserve | 10 | Blindabdeckungen |
Reihe 4 — Gruppe 3: Bad, Außen, Technik (18 TE)
| Position | Modul | TE | Funktion |
|---|---|---|---|
| 1–2 | Gruppen-RCD 30 mA | 2 | Typ A |
| 3 | MCB B16A | 1 | Steckdosen Badezimmer |
| 4 | MCB B16A | 1 | Waschmaschine (dediziert) |
| 5 | MCB B16A | 1 | Trockner (dediziert) |
| 6 | MCB B20A | 1 | Boiler (dediziert) |
| 7 | MCB B16A | 1 | Außensteckdosen |
| 8 | MCB B16A | 1 | Garage |
| 9–18 | Reserve | 10 | Blindabdeckungen |
Gesamt: 18 MCBs + 4 RCDs + SPD + Hauptschalter + Klingeltransformator = 34 TE belegt von 72 TE → 53 % Reserve
Typische Fehler bei der Schaltschrankplanung
| Fehler | Konsequenz | Lösung |
|---|---|---|
| Zu wenig Reihen | Kein Platz oder keine thermische Reserve | Aus Modulzahl, Verdrahtung und Gehäusedaten dimensionieren |
| SPD ungeprüft weglassen | Schutzkonzept bleibt unbelegt | Anwendbarkeit und Auswahl projektspezifisch prüfen |
| Mehr als 8 Endstromkreise pro RCD | AREI-Verstoß (Art. 4.2.4.3b) | Zusätzlichen Gruppen-RCD einbauen |
| Fehlende Beschriftung | Beanstandung bei Kontrolle | Jeden MCB beschriften (Kreisnummer + Funktion) |
| Allgemeiner Differenzstromschutz fehlt | Schutzkette am Speisepunkt unvollständig | Aktuell anwendbare Ausführung bis höchstens 300 mA fachlich prüfen |
| Wallbox-RCD pauschal wählen | DC-Fehlerstromschutz kann unzureichend sein | Kapitel 7.22, integrierte DC-Erkennung und Herstellerangaben zusammen prüfen |
| Keine nutzbare Reserve | Erweiterung wird unnötig aufwendig | Projektbezogene Modul-, Klemmen- und Verdrahtungsreserve planen |
Beschriftung und Dokumentation
Jeder MCB muss beschriftet werden mit:
- Stromkreisnummer (identisch zum Eindrahtschema und Situationsplan)
- Funktion (z. B. „Licht EG", „Steckdosen Küche")
- Optional: Raum oder Etage
Kleben Sie die Beschriftung in den Deckel des Verteilers oder verwenden Sie einen Beschriftungsstreifen. Die meisten Verteilerhersteller liefern beschreibbare Einleger mit.
Vom Entwurf zur ausführbaren Planung
Eine Modulzählung ist nur der räumliche Anfang. Vor der Bestellung muss der Elektriker die Anschlussdaten, das geerdete System, den prospektiven Kurzschlussstrom, die Selektivität beziehungsweise das Backup-Verhalten sowie die Herstellerfreigaben der kombinierten Geräte prüfen. Nennstrom, Ausschaltvermögen und Leiterquerschnitt dürfen deshalb nicht aus einem Beispielgrundriss übernommen werden. Auch die Verlustleistung im geschlossenen Gehäuse, Umgebungstemperatur, Belüftung und die zugelassene Klemmenbelegung beeinflussen die Auswahl.
Gehen Sie Reihe für Reihe vor. Halten Sie die Einspeisung, Haupttrennung, Differenzstromschutz und Überspannungsschutz als nachvollziehbare Schutzkette fest. Ordnen Sie danach die Endstromkreise, aber behandeln Sie eine optisch saubere Reihe nicht automatisch als elektrisch selektiv. Bei PV, Batterie, Generator oder Ladeinfrastruktur muss außerdem eindeutig sichtbar sein, aus welcher Richtung Energie fließen kann und welche Teile auch bei abgeschaltetem Netz noch gespeist werden könnten. Herstellerunterlagen für den konkreten RCD, SPD, Wechselrichter oder die Wallbox bleiben verbindliche Eingaben der Fachplanung.
Planen Sie Reserven nicht nur in Teilungseinheiten. Sinnvoll sind auch freie Klemmen, ausreichende Leiterkanäle, zugängliche N- und PE-Schienen, Platz für Messungen sowie eine dokumentierte Erweiterungsrichtung. Eine starre Prozentzahl ist keine allgemeine AREI-Vorgabe. Sie ist eine Projektentscheidung, die von erwarteten Verbrauchern, Gehäusegrenzen und der verfügbaren Anschlussleistung abhängt.
Vor dem Export gleichen Sie drei Ebenen ab: Die physische Belegung im Verteiler, die Schutzkette im Eindrahtschema und die Stromkreiskennungen im Situationsplan müssen denselben Ist-Stand zeigen. Buch 1 V06 verlangt für Pläne und Unterlagen eine eindeutige Nummer, Fassung und ein Fassungsdatum. Bei hauswirtschaftlichen Anlagen gehören außerdem Installationsadresse und Angaben zur verantwortlichen Person in die Pläne. Ein PlanElec-Selbstcheck kann modellierte Lücken anzeigen, ersetzt aber weder Messwerte noch Herstellernachweise oder die Beurteilung durch einen zugelassenen Kontrollorganismus.
Amtliche Grundlage
Übergabeprotokoll für den Verteiler
Halten Sie vor dem Schließen der Abdeckung für jeden Abgang Stromkreiskennung, Zweck, Polzahl, Schutzorgan, Nennstrom, Leiterdaten und zugehörigen RCD fest. Ergänzen Sie bei steuerbaren Lasten Schütz, Steuerstromkreis und Handbetätigung. Bei mehrphasigen Abgängen dokumentieren Sie die belegten Phasen; bei einphasigen Abgängen hilft eine Phasenliste, spätere Schieflast zu erkennen. Prüfen Sie, ob Neutralleiter eindeutig dem richtigen RCD-Bereich zugeordnet sind und ob Schutzleiteranschlüsse zugänglich bleiben.
Ein Foto ist eine nützliche Ergänzung, ersetzt aber keine strukturierte Angabe. Klemmenbezeichnungen müssen mit Schema und Beschriftungsstreifen übereinstimmen. Notieren Sie Anzugsdrehmomente oder thermische Nachkontrollen nur, wenn sie aus Herstelleranweisung beziehungsweise Ausführungsprotokoll stammen. Ungeprüfte Werte gehören nicht als vermeintliche Sicherheit in den Plan.
Prüfen Sie außerdem mechanische Zugänglichkeit: Abdeckungen müssen montierbar bleiben, Leiter dürfen nicht vor Betätigungsorganen liegen und spätere Messungen brauchen erreichbare Punkte. Halten Sie getrennte N-Schienen, Brücken und Einspeisungen nachvollziehbar fest. Eine Reserveposition ohne sichere Anschlussmöglichkeit ist keine brauchbare Erweiterungsreserve.
Bewahren Sie die freigegebene PDF-Fassung zusammen mit Prüfbericht, Messprotokollen und relevanten Datenblättern in der Anlagenakte auf. Bei einer späteren Erweiterung wird nicht die alte Datei überschrieben: Erhöhen Sie die Fassung, setzen Sie ein neues Fassungsdatum und beschreiben Sie, was sich geändert hat. So bleibt nachvollziehbar, welcher Plan bei welcher Kontrolle den tatsächlichen Verteiler abgebildet hat.
- FÖD Wirtschaft: RGIE/AREI, Buch 1 einschließlich Version 06
- Buch 1 V06, Abschnitt 3.1.2 zu Schema-, Plan- und Dokumentangaben sowie Teile 4 und 5 zur Schutz- und Betriebsmittelauswahl.
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