Anleitung

Schaltschrank planen: Aufbau und Dimensionierung nach AREI

Vollständige Anleitung zur Planung eines Verteilerschranks. DIN-Schiene, Schutzgeräte, Reihenaufteilung und Beispiel-Layout für ein Einfamilienhaus.

Veröffentlicht am 7. April 2026 Aktualisiert am 29. August 2026 12 min

Der Verteilerschrank (auch Sicherungskasten, Schaltschrank oder Zählerschrank) ist das Herzstück jeder Elektroinstallation. Hier laufen alle Stromkreise zusammen, hier sitzen die Schutzgeräte, die Ihr Haus und Ihre Familie vor elektrischen Gefahren schützen. Eine durchdachte Planung spart nicht nur Geld, sondern verhindert auch Probleme bei der AREI-Kontrolle.


Grundlagen: Aufbau eines Verteilerschranks

DIN-Schiene (Hutschiene)

Alle Module im Verteiler werden auf standardisierte DIN-Schienen (35 mm Hutschiene nach EN 60715) aufgeschnappt. Jede Schiene bildet eine Reihe im Verteiler.

TE-Einheiten (Teilungseinheiten)

Die Breite eines Moduls wird in TE (Teilungseinheiten) gemessen. Eine TE entspricht 18 mm. Typische Breiten:

ModulBreite (TE)
MCB 1-polig1 TE
MCB 2-polig2 TE
MCB 3-polig3 TE
RCD 2-polig (30 mA / 300 mA)2 TE
RCD 4-polig4 TE
Hauptschalter 2-polig2 TE
Hauptschalter 4-polig4 TE
SPD (Überspannungsschutz)2–4 TE
Klingeltransformator2 TE
Zeitschaltuhr2 TE

Verteilergrößen

Verteiler werden nach Reihen und TE pro Reihe dimensioniert:

BezeichnungReihenTE pro ReiheGesamt-TE
1-reihig112–1812–18
2-reihig212–1824–36
3-reihig312–1836–54
4-reihig412–1848–72

Für ein typisches Einfamilienhaus empfehlen wir mindestens einen 4-reihigen Verteiler mit 18 TE pro Reihe (72 TE gesamt).


Schritt 1: Stromkreise zählen

Listen Sie alle benötigten Stromkreise auf. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus (3 Schlafzimmer, 150 m²) rechnen Sie mit:

TypAnzahlMCB
Beleuchtung3–4 KreiseB10A oder B16A
Steckdosen allgemein4–6 KreiseB16A
Küche dediziert (Backofen)1B20A mit mind. 2,5 mm², B25A mit 4 mm², B32A mit 6 mm²
Küche dediziert (Kochfeld)1B32A (3-phasig ggf.)
Küche dediziert (Geschirrspüler)1B16A
Waschmaschine1B16A
Trockner1B16A
Badezimmer Steckdosen1B16A
Außensteckdosen1B16A
Boiler / Warmwasser1B16A oder B20A
Garage1B16A
Wallbox (falls vorhanden)1B32A
Gesamt17–20 Kreise

Tipp: Maximal 8 Steckdosen pro Stromkreis (AREI Art. 5.3.5.2b). Lichtkreise dürfen mehr Punkte haben, aber in der Praxis empfehlen sich max. 8 Leuchten pro Kreis.


Schritt 2: Schutzgeräte wählen

Die Schutzgeräte werden hierarchisch angeordnet — von der Einspeisung (oben) nach unten:

Hierarchie der Schutzgeräte

Hauptschalter (40A oder 63A)
   └── Haupt-RCD 300 mA (Typ A-S, selektiv)
        ├── Gruppen-RCD 30 mA #1 (Typ A)
        │    ├── MCB Licht EG (B10A)
        │    ├── MCB Licht OG (B10A)
        │    ├── MCB Steckdosen WZ (B16A)
        │    └── MCB Steckdosen Flur (B16A)
        ├── Gruppen-RCD 30 mA #2 (Typ A)
        │    ├── MCB Steckdosen Küche (B16A)
        │    ├── MCB Backofen (B20A)
        │    ├── MCB Geschirrspüler (B16A)
        │    └── MCB Steckdosen SZ (B16A)
        └── Gruppen-RCD 30 mA #3 (Typ A)
             ├── MCB Waschmaschine (B16A)
             ├── MCB Bad (B16A)
             ├── MCB Außen (B16A)
             └── MCB Garage (B16A)

Hinweis: Bei dreiphasigem Anschluss (3N~400V) werden 4-polige Hauptschalter, RCDs und ggf. MCBs benötigt.

RCD-Typen

TypEigenschaftPlanungsgrenze
bis 300 mA, mind. Typ ASchutz am Ursprung der HausinstallationBemessungsstrom und Polzahl müssen passen; Typ S ist nur bei nachgewiesener zeitlicher Selektivität eine mögliche Lösung
bis 30 mA, Typ AHoch- oder sehr hochempfindlicher SchutzFür die in Art. 4.2.4.3b genannten Stromkreise; zusätzliche Gerätebedingungen bleiben zu prüfen
Typ BErfasst auch glatte GleichfehlerströmeNur wenn Fehlerstromspektrum und Gerätekonzept dies verlangen; kein pauschaler Wallbox- oder Wechselrichtertyp
Typ FErfasst definierte Mischfrequenz-FehlerstromanteileNur einsetzen, wenn Last, Produktnorm und Herstellerunterlagen diese Charakteristik verlangen

Selektivität

Selektivität entsteht nicht dadurch, dass der Haupt-RCD den Gruppen-RCD „beobachtet“. Sie muss aus Empfindlichkeit, Zeit-Strom-Kennlinien, Herstellerkoordination und dem gesamten Schutzkonzept nachgewiesen werden. Ein zeitverzögertes Gerät kann Teil dieser Lösung sein, garantiert allein aber weder Selektivität noch, dass ausschließlich der betroffene Gruppen-RCD abschaltet.


Schritt 3: Aufteilung auf Reihen

AREI-Regel: Max. 8 Endstromkreise pro RCD

Gemäß AREI Art. 4.2.4.3b dürfen maximal 8 Endstromkreise hinter einer Differenzstrom-Schutzeinrichtung (RCD) angeschlossen werden. In der Praxis empfehlen sich 4–6 MCBs pro RCD für eine komfortable Reserve.

Typische Reihenaufteilung

ReiheInhalt
Reihe 1Hauptschalter, Haupt-RCD (300 mA), SPD, evtl. Klingeltransformator
Reihe 2Gruppen-RCD #1 (30 mA) + zugehörige MCBs (Licht + Steckdosen Wohnen)
Reihe 3Gruppen-RCD #2 (30 mA) + zugehörige MCBs (Küche + Schlafzimmer)
Reihe 4Gruppen-RCD #3 (30 mA) + zugehörige MCBs (Bad, Außen, Garage, Technik)

Schritt 4: Reserveplätze einplanen

Planen Sie mindestens 20 % Reserveplätze ein — besser 30 %. Das bedeutet:

  • Bei 20 benötigten MCBs → mindestens 4–6 freie TE-Plätze.
  • Leere Plätze werden mit Blindabdeckungen verschlossen.

Warum?

  • Zukünftige Erweiterungen (Wallbox, Klimaanlage, Saunaöfen).
  • Umverteilung, wenn ein RCD zu viele Kreise hat.
  • Vermeidung eines teuren Verteilertauschs.

Beispiel-Layout: 4-Reihen-Verteiler für Einfamilienhaus

Hier ein komplettes Beispiel für ein typisches belgisches Einfamilienhaus (3 SZ, 150 m², ohne PV):

Reihe 1 — Einspeisung & Schutz (18 TE)

PositionModulTEFunktion
1–2Hauptschalter 2P240A Hauptschalter
3–4Haupt-RCD 2P2300 mA Typ A-S
5–8SPD4Überspannungsschutz
9–10Klingeltransformator28V Klingel
11–18Reserve8Blindabdeckungen

Reihe 2 — Gruppe 1: Beleuchtung + Wohnen (18 TE)

PositionModulTEFunktion
1–2Gruppen-RCD 30 mA2Typ A
3MCB B10A1Licht Erdgeschoss
4MCB B10A1Licht Obergeschoss
5MCB B10A1Licht Keller/Außen
6MCB B16A1Steckdosen Wohnzimmer
7MCB B16A1Steckdosen Esszimmer
8MCB B16A1Steckdosen Flur
9–18Reserve10Blindabdeckungen

Reihe 3 — Gruppe 2: Küche + Schlafzimmer (18 TE)

PositionModulTEFunktion
1–2Gruppen-RCD 30 mA2Typ A
3MCB B16A1Steckdosen Küche
4MCB B20A1Backofen (dediziert)
5MCB B16A1Geschirrspüler (dediziert)
6MCB B16A1Kühlschrank (dediziert)
7MCB B16A1Steckdosen Schlafzimmer 1
8MCB B16A1Steckdosen Schlafzimmer 2+3
9–18Reserve10Blindabdeckungen

Reihe 4 — Gruppe 3: Bad, Außen, Technik (18 TE)

PositionModulTEFunktion
1–2Gruppen-RCD 30 mA2Typ A
3MCB B16A1Steckdosen Badezimmer
4MCB B16A1Waschmaschine (dediziert)
5MCB B16A1Trockner (dediziert)
6MCB B20A1Boiler (dediziert)
7MCB B16A1Außensteckdosen
8MCB B16A1Garage
9–18Reserve10Blindabdeckungen

Gesamt: 18 MCBs + 4 RCDs + SPD + Hauptschalter + Klingeltransformator = 34 TE belegt von 72 TE → 53 % Reserve


Typische Fehler bei der Schaltschrankplanung

FehlerKonsequenzLösung
Zu wenig ReihenKein Platz oder keine thermische ReserveAus Modulzahl, Verdrahtung und Gehäusedaten dimensionieren
SPD ungeprüft weglassenSchutzkonzept bleibt unbelegtAnwendbarkeit und Auswahl projektspezifisch prüfen
Mehr als 8 Endstromkreise pro RCDAREI-Verstoß (Art. 4.2.4.3b)Zusätzlichen Gruppen-RCD einbauen
Fehlende BeschriftungBeanstandung bei KontrolleJeden MCB beschriften (Kreisnummer + Funktion)
Allgemeiner Differenzstromschutz fehltSchutzkette am Speisepunkt unvollständigAktuell anwendbare Ausführung bis höchstens 300 mA fachlich prüfen
Wallbox-RCD pauschal wählenDC-Fehlerstromschutz kann unzureichend seinKapitel 7.22, integrierte DC-Erkennung und Herstellerangaben zusammen prüfen
Keine nutzbare ReserveErweiterung wird unnötig aufwendigProjektbezogene Modul-, Klemmen- und Verdrahtungsreserve planen

Beschriftung und Dokumentation

Jeder MCB muss beschriftet werden mit:

  • Stromkreisnummer (identisch zum Eindrahtschema und Situationsplan)
  • Funktion (z. B. „Licht EG", „Steckdosen Küche")
  • Optional: Raum oder Etage

Kleben Sie die Beschriftung in den Deckel des Verteilers oder verwenden Sie einen Beschriftungsstreifen. Die meisten Verteilerhersteller liefern beschreibbare Einleger mit.

Vom Entwurf zur ausführbaren Planung

Eine Modulzählung ist nur der räumliche Anfang. Vor der Bestellung muss der Elektriker die Anschlussdaten, das geerdete System, den prospektiven Kurzschlussstrom, die Selektivität beziehungsweise das Backup-Verhalten sowie die Herstellerfreigaben der kombinierten Geräte prüfen. Nennstrom, Ausschaltvermögen und Leiterquerschnitt dürfen deshalb nicht aus einem Beispielgrundriss übernommen werden. Auch die Verlustleistung im geschlossenen Gehäuse, Umgebungstemperatur, Belüftung und die zugelassene Klemmenbelegung beeinflussen die Auswahl.

Gehen Sie Reihe für Reihe vor. Halten Sie die Einspeisung, Haupttrennung, Differenzstromschutz und Überspannungsschutz als nachvollziehbare Schutzkette fest. Ordnen Sie danach die Endstromkreise, aber behandeln Sie eine optisch saubere Reihe nicht automatisch als elektrisch selektiv. Bei PV, Batterie, Generator oder Ladeinfrastruktur muss außerdem eindeutig sichtbar sein, aus welcher Richtung Energie fließen kann und welche Teile auch bei abgeschaltetem Netz noch gespeist werden könnten. Herstellerunterlagen für den konkreten RCD, SPD, Wechselrichter oder die Wallbox bleiben verbindliche Eingaben der Fachplanung.

Planen Sie Reserven nicht nur in Teilungseinheiten. Sinnvoll sind auch freie Klemmen, ausreichende Leiterkanäle, zugängliche N- und PE-Schienen, Platz für Messungen sowie eine dokumentierte Erweiterungsrichtung. Eine starre Prozentzahl ist keine allgemeine AREI-Vorgabe. Sie ist eine Projektentscheidung, die von erwarteten Verbrauchern, Gehäusegrenzen und der verfügbaren Anschlussleistung abhängt.

Vor dem Export gleichen Sie drei Ebenen ab: Die physische Belegung im Verteiler, die Schutzkette im Eindrahtschema und die Stromkreiskennungen im Situationsplan müssen denselben Ist-Stand zeigen. Buch 1 V06 verlangt für Pläne und Unterlagen eine eindeutige Nummer, Fassung und ein Fassungsdatum. Bei hauswirtschaftlichen Anlagen gehören außerdem Installationsadresse und Angaben zur verantwortlichen Person in die Pläne. Ein PlanElec-Selbstcheck kann modellierte Lücken anzeigen, ersetzt aber weder Messwerte noch Herstellernachweise oder die Beurteilung durch einen zugelassenen Kontrollorganismus.

Amtliche Grundlage

Übergabeprotokoll für den Verteiler

Halten Sie vor dem Schließen der Abdeckung für jeden Abgang Stromkreiskennung, Zweck, Polzahl, Schutzorgan, Nennstrom, Leiterdaten und zugehörigen RCD fest. Ergänzen Sie bei steuerbaren Lasten Schütz, Steuerstromkreis und Handbetätigung. Bei mehrphasigen Abgängen dokumentieren Sie die belegten Phasen; bei einphasigen Abgängen hilft eine Phasenliste, spätere Schieflast zu erkennen. Prüfen Sie, ob Neutralleiter eindeutig dem richtigen RCD-Bereich zugeordnet sind und ob Schutzleiteranschlüsse zugänglich bleiben.

Ein Foto ist eine nützliche Ergänzung, ersetzt aber keine strukturierte Angabe. Klemmenbezeichnungen müssen mit Schema und Beschriftungsstreifen übereinstimmen. Notieren Sie Anzugsdrehmomente oder thermische Nachkontrollen nur, wenn sie aus Herstelleranweisung beziehungsweise Ausführungsprotokoll stammen. Ungeprüfte Werte gehören nicht als vermeintliche Sicherheit in den Plan.

Prüfen Sie außerdem mechanische Zugänglichkeit: Abdeckungen müssen montierbar bleiben, Leiter dürfen nicht vor Betätigungsorganen liegen und spätere Messungen brauchen erreichbare Punkte. Halten Sie getrennte N-Schienen, Brücken und Einspeisungen nachvollziehbar fest. Eine Reserveposition ohne sichere Anschlussmöglichkeit ist keine brauchbare Erweiterungsreserve.

Bewahren Sie die freigegebene PDF-Fassung zusammen mit Prüfbericht, Messprotokollen und relevanten Datenblättern in der Anlagenakte auf. Bei einer späteren Erweiterung wird nicht die alte Datei überschrieben: Erhöhen Sie die Fassung, setzen Sie ein neues Fassungsdatum und beschreiben Sie, was sich geändert hat. So bleibt nachvollziehbar, welcher Plan bei welcher Kontrolle den tatsächlichen Verteiler abgebildet hat.


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