FAQ

Erdung TT oder TN-S 2026: Schutzkonzepte nach AREI V06

TT und TN-S korrekt unterscheiden: Fehlerstrompfad, Abschaltbedingung, lokaler Erder und die 30-/100-Ohm-Regeln für häusliche Wechselstromanlagen nach AREI Buch 1 V06.

Veröffentlicht am 20. März 2026 Aktualisiert am 29. August 2026 8 min

Erdung TT oder TN-S: nicht Herkunft, sondern Fehlerstrompfad entscheidet

TT und TN-S beschreiben, wie der Sternpunkt der Stromquelle und die berührbaren leitfähigen Teile einer Anlage mit Erde verbunden sind. Daraus folgen unterschiedliche Fehlerstrompfade und Abschaltbedingungen. Das AREI erklärt nicht pauschal TT zum belgischen Wohnstandard und TN-S nicht zum reinen Neubau- oder Industriesystem. Die tatsächlich bereitgestellte Netzform muss für den konkreten Anschluss geklärt werden; weder Gebäudealter noch Nutzung reichen zur sicheren Bestimmung.

Dieser Leitfaden behandelt häusliche Wechselstromanlagen nach AREI/RGIE Buch 1, Version 06, anwendbar seit 1. April 2026. Die neuen DC-Regeln in V06 sind ein eigener Anwendungsbereich und dürfen nicht aus den AC-Beispielen abgeleitet werden.

Die Buchstaben richtig lesen

Der erste Buchstabe beschreibt die Beziehung der Stromquelle zur Erde. T bedeutet, dass ein Punkt der Quelle direkt geerdet ist. Der zweite Buchstabe beschreibt die Verbindung der berührbaren leitfähigen Teile der Verbraucheranlage:

  • TT: Die Körper der Verbraucheranlage sind über einen lokalen Erder mit Erde verbunden, unabhängig von der Erdung der Quelle.
  • TN: Die Körper sind über Schutzleiter mit dem geerdeten Punkt der Quelle verbunden.
  • TN-S: Neutralleiter N und Schutzleiter PE bleiben im betrachteten System getrennt.
  • TN-C-S: Ein kombinierter PEN wird in einem Teil des Systems geführt und später in PE und N aufgeteilt. Ob diese Netzform vorliegt, muss anhand des Anschlusses und der Netzbetreiberinformation festgestellt werden; sie ist nicht einfach „typisch für alte Häuser“.

TT-System: lokaler Erder und Fehlerstromschutz

Bei einem Körperschluss fließt der Fehlerstrom vom aktiven Leiter über den Gerätekörper, Schutzleiter, lokalen Erder und das Erdreich zum geerdeten Quellenpunkt zurück. Die Schleifenimpedanz kann so hoch sein, dass ein Leitungsschutzschalter nicht schnell genug auslöst. Darum wird die automatische Abschaltung im TT-System normalerweise mit Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen erreicht.

Die grundlegende Bedingung lautet:

IΔn × R_E ≤ U_L

IΔn ist der Bemessungsdifferenzstrom des FI, R_E der Erdungswiderstand der Anlage und U_L die zulässige Berührungsspannung. Diese Formel ist exakt zu prüfen; die Rechnung 50 V / 0,3 A ≈ 166 Ω hebt die besondere häusliche Grenze von unter 100 Ω nicht auf. Das AREI lässt im TT-System prinzipiell auch eine Abschaltung durch Überstrom-Schutzeinrichtungen zu, wenn die dafür geltenden Impedanz- und Abschaltbedingungen tatsächlich erfüllt sind. „TT funktioniert nur mit FI“ wäre deshalb zu absolut, auch wenn FI in der Praxis das typische Schutzmittel ist.

TN-S-System: Rückweg über den Schutzleiter

Bei TN-S führt der Fehlerstrom über PE metallisch zum geerdeten Quellenpunkt zurück. Für die automatische Abschaltung muss die Fehlerschleife so niederohmig sein, dass das Schutzorgan innerhalb der vorgeschriebenen Zeit abschaltet. Vereinfacht wird geprüft, ob Zs × Ia ≤ U0: Fehlerschleifenimpedanz mal Auslösestrom des Schutzorgans darf die Spannung Leiter gegen Erde nicht überschreiten.

Das bedeutet weder, dass der Netzbetreiber einen bestimmten „Erdungswiderstand garantiert“, noch dass Fehlerstromschutz entbehrlich ist. Die häuslichen RCD-Anforderungen aus Abschnitt 4.2.4.3 gelten unabhängig davon, ob die Netzform TT oder TN-S ist. Umgekehrt ersetzt ein 30-mA-FI nicht die Prüfung der Schutzleiterkontinuität und Abschaltbedingungen.

Lokaler Erder auch bei TN nicht vorschnell streichen

Aus „PE kommt mit dem Netz“ folgt nicht, dass eine häusliche Anlage keinen eigenen Erder benötigt. Buch 1 verlangt für häusliche Anlagen einen Erdungswiderstand von weniger als 100 Ω. Erdungsleiter, Trennklemme, Hauptschutzleiter und Potentialausgleich sind Teil der Anlage und müssen zugänglich, dauerhaft und prüfbar ausgeführt werden.

Welche Erderbauart sinnvoll oder vorgeschrieben ist, hängt von Neubau, Bestand, Fundament und Boden ab. Eine allgemeine Mindestlänge von „1,50 m für jeden Erdspieß“ lässt sich aus den hier relevanten AREI-Stellen nicht ableiten. Messwert und Ausführung entscheiden, nicht eine pauschale Stablänge.

30 Ω und 100 Ω bedeuten Verschiedenes

Für häusliche Anlagen dürfen zwei Schwellen nicht verwechselt werden:

MesswertFolge
R_E < 30 ΩDie normalen häuslichen RCD-Regeln gelten; daraus folgt noch keine Aussage über jede andere Schutzprüfung.
30 Ω < R_E < 100 ΩZusätzliche Aufteilung: mindestens zwei hoch- oder sehr hochempfindliche FI, je höchstens 16 Einzel-/Mehrfachsteckdosen, plus Schutz der übrigen Stromkreise mit höchstens 100 mA.
R_E ≥ 100 ΩDie häusliche Grenzanforderung ist nicht erfüllt; die Erdungsanlage muss geprüft und verbessert werden. Weitere FI allein beseitigen den Mangel nicht.

Die 16er-Grenze zählt Einzel- oder Mehrfachsteckdosen, nicht Endstromkreise. Unabhängig davon dürfen an einem hoch- oder sehr hochempfindlichen FI einer neuen häuslichen Anlage höchstens acht Endstromkreise angeschlossen sein. Beide Zählregeln können gleichzeitig relevant sein.

Was die Messung wirklich aussagt

Der Erdungswiderstand wird mit einem geeigneten Messverfahren bestimmt. Bodenfeuchte, Temperatur, Korrosion, lose Verbindungen oder ein beschädigter Erdungsleiter können den Wert verändern. Eine Sichtprüfung allein genügt nicht. Bei der Kontrolle werden außerdem Schutzleiter, Potentialausgleich, Fehlerstrom-Schutzeinrichtungen und weitere Schutzmaßnahmen geprüft.

Der Prüfbericht einer zugelassenen Stelle enthält den gemessenen Erdungswiderstand. Daraus folgt aber nicht, dass jede positive Kontrolle pauschal 25 Jahre lang jede spätere Änderung oder Verschlechterung abdeckt. Die 25-Jahres-Frist betrifft bestimmte regelmäßige Kontrollbesuche häuslicher Anlagen; andere Anlässe und Nachkontrollfristen können kürzer sein.

Erdung und Potentialausgleich gemeinsam betrachten

Der Erder ist nur ein Teil der Schutzmaßnahme. Der Erdungsleiter verbindet ihn mit der Haupterdungsklemme beziehungsweise Trennklemme; von dort führen Schutzleiter und Hauptpotentialausgleich zu den relevanten leitfähigen Teilen. Wasser-, Gas- oder Heizungsleitungen dürfen nicht als Ersatz für einen vorgeschriebenen Erder missverstanden werden. Gleichzeitig müssen fremde leitfähige Teile nach den geltenden Regeln in den Potentialausgleich einbezogen werden, damit im Fehlerfall keine gefährlichen Spannungsunterschiede bestehen bleiben.

Eine gute Erdungsmessung kompensiert keinen unterbrochenen PE zu einer Steckdose. Umgekehrt sagt eine durchgängige Schutzleiterverbindung allein nichts über den Erdungswiderstand aus. Deshalb werden Widerstand, Durchgängigkeit, Isolationszustand, RCD-Funktion und Abschaltbedingungen getrennt geprüft. Beim Umbau ist besonders auf alte Neutral-/Schutzleiterkombinationen und Verbindungen hinter der Trennstelle zu achten; eine unzulässige N-PE-Verbindung kann RCD-Funktion und Messwerte verfälschen.

Messwert dokumentieren, nicht schätzen

Für das Dossier sind Messdatum, geprüfter Anlagenteil und Bericht wichtiger als eine mündlich überlieferte Zahl. Ein Wert aus einer früheren Kontrolle darf nicht ungeprüft auf einen neuen Erder, einen Anbau oder geänderte Verbindungen übertragen werden. Wenn die Trennklemme nicht zugänglich ist oder parallele Erdpfade bestehen, muss die Messmethode dies berücksichtigen. Solche Randbedingungen gehören in die fachliche Bewertung.

Was gehört in Schema und Dossier?

Kapitel 9.1 verlangt unter anderem Eindrahtschema, Situationsplan und weitere Unterlagen. Es sagt nicht pauschal, dass der Text „TT“ oder „TN-S“ als eigenes Pflichtfeld auf jedem Schema stehen muss. Relevant sind die tatsächlich vorhandenen Erdungs- und Schutzkomponenten: Erdungsleiter, Trennklemme, Hauptpotentialausgleich, Schutzgeräte sowie ihre Zuordnung müssen korrekt wiedergegeben werden, soweit die vorgeschriebenen Pläne und Angaben dies verlangen.

Eine belastbare Bestandsaufnahme geht deshalb so vor:

  1. Netzanschluss und Angaben des Netzbetreibers prüfen;
  2. Leiterführung von N, PE und gegebenenfalls PEN nachvollziehen;
  3. lokalen Erder, Trennklemme und Potentialausgleich aufnehmen;
  4. Erdungswiderstand und Schutzleiterkontinuität messen lassen;
  5. RCD- und Überstromschutz einschließlich Abschaltbedingungen bewerten;
  6. reale Anlage, Verteilerbeschriftung, Eindrahtschema und Situationsplan abgleichen.

TT oder TN-S: keine Rangliste

Beide Konzepte können sicher sein, wenn Planung, Netzbedingungen, Leiterführung und Schutzorgane zusammenpassen. TT ist nicht automatisch unabhängiger oder besser; TN-S ist nicht automatisch zuverlässiger. Entscheidend ist, ob der Fehlerstrom einen definierten Rückweg hat und die automatische Abschaltung im konkreten Fall rechtzeitig erfolgt.

Mit PlanElec können Sie Erdungs- und Schutzkomponenten im Editor dokumentieren, ein Eindrahtschema und einen Situationsplan als PDF exportieren und einen orientierenden Selbstcheck durchführen. PlanElec misst keinen Erdungswiderstand, erkennt keine Netzform automatisch und erstellt keinen offiziellen Prüfbericht.

Weiterführende Artikel

PlanElec für Schema, Situationsplan und orientierenden Selbstcheck öffnen →

Regelgrundlage: AREI/RGIE Buch 1 V06, insbesondere Abschnitte 4.2.3, 4.2.4.3, 6.5 und 9.1. Maßgeblich bleiben die amtliche Fassung, die Netzanschlussdaten und die Messung der konkreten Anlage.